Tanzwütige Weibchen

Morgenreigen bei Seepferdchen entscheidend für die Paarung

Was sich wohl so manche Frau wünscht ist bei den Seepferdchen die Praxis: Die Männer tragen die Kinder aus. Nach einem ausgiebigen Hoch­zeits­tanz spritzt das paarungswillige Weibchen etwa 200 Eier in die Bruttasche seines Gefährten. Dort werden die Zellen befruchtet und wachsen unter der fürsorglichen Pflege des Vaters zu kleinen Fischchen heran. Am Ende der rund dreiwöchigen Schwangerschaft sind die Jungtiere bereits selbständig lebensfähig und verlassen den väterlichen „Uterus“. Ihre Eltern treffen sich kurz darauf zum nächsten Hochzeitswalzer.

Seepferdchenpaare halten sich zeitlebens die Treue - ein Verhalten, das für Fische ausgesprochen ungewöhnlich ist.Dabei fehlt es gerade den Weibchen nicht an Gelegenheiten zum Seitensprung. Die Fischgattinnen lehnen Außerehelicher Beziehungen jedoch selbst dann ab, wenn ihr Gefährte gerade mit der Brut beschäftigt ist und sich daher nicht mit ihnen paaren kann. Wie die englische Zoologin Amanda Vincent vor kurzem herausfand gehen Seepferdchenfrauen den Bund fürs Leben allerdings nur unter einer Bedingung ein: Der Erwählte muß mit ihnen jeden Morgen einen sechsminütigen Begrüßungsreigen tanzen (Animal Behaviour, Bd. 49, S. 258, 1995). Die Wissenschaftlerin der Universität Oxford hatte sich ursprünglich folgende Frage gestellt: Bleiben die Fischweibchen grundsätzlich dem Vater ihrer Kinder treu, auch wenn dieser für einige Zeit verschwindet, oder entscheiden sie sich im Zweifelsfall für den zuverlässigeren Bewerber, mit dem sie täglich sozusagen das Tanzbein schwingen können?

Die Biologin unternahm Versuche, bei denen sie jeweils ein Weibchen und zwei Männchen der Seepferdchengattung Hippocampus Musbus in einem Aquarium zusammensetzte. Sobald einer der beiden Konkurrenten trächtig wurde, verlegte sie ihn bis zum Ende der Schwangerschaft in ein anderes Wasserbecken. Während seiner Abwesenheit, so - das Ergebnis der Studie, traf sich das Weibchen mit dem vorher verschmähten Freier zum täglichen Morgentanz. Dabei wirkten ihre Umarmungen zunächst noch sehr unterkühlt“. Mit jedem Tag wuchs jedoch ihr Vertrauen zu dem neuen Gefährten, und am Ende des Fortpflanzungszyklus - in den vorliegenden Experimenten dauerte er nur zwei Wochen - paarte sie sich schließlich mit dem früher abgewiesenen Bewerber. Ihren ersten Partner, der inzwischen wieder zurück war und die gemeinsame Brut zur Welt gebracht hatte, ließ sie dagegen links liegen. Auch inbrünstiges Buhlen half dem Verflossenen nichts mehr - von Stund’ an blieb die Mutter seiner Kinder dem zweiten Mann treu.

Nach den Beobachtungen von Amanda Vincent erfüllt der tägliche Morgengruß bei den Seepferdchen eine wichtige Funktion. Damit vergewisserten sich die Weibchen der zuverlässigen Anwesenheit ihres Partners. Dessen ständige Präsenz sei deshalb so wichtig, weil die Fischweibchen ihre Eireifung auf die Paarungsbereitschaft des Gefährten einstellen müßten. Andernfalls gingen die vorbereiteten Eizellen zugrunde. Wilde Seepferdchenpaare kommen übrigens nur einmal täglich, eben zum Morgenplauschs, zusammen, während sie die übrige Zeit getrennte Wege gehen.

Nicola von Lutterotti

Süddeutsche Zeitung

Foto im Text:
Langschnäuziges Seepferdchen (Hippocampus guttulatus)
Fotograf: Alfred Moritz

Coleman`s Zwergseepferdchen (Hippocampus cloemani)
Fotogtaf: Wolfram Sander